Ab in’s Bett, Cinderella!

Es ist ein Mittwochabend, wir haben 20.00 Uhr. Jonas bastelt gerade am Finanzplan und ich suche die Rechnungen, die ich heute in Eile irgendwo in meine Handtasche gestopft habe. Wir sind müde und haben irgendwie komische Laune. Seit 8 Uhr morgens laufen wir durch die Stadt, geben Workshops, kaufen ein, versuchen Leuten hinterherzurennen und wollen einfach nur ins Bett. Wir haben extra nicht angefangen zu kochen, weil wir dachten Susi, Felix, Jacob, Ipote und Eddi kommen pünktlich um 7 in die Lodge, um den Endspurt zu planen. Um kurz vor 8 trudeln Susi und Felix ein. Um halb 9 schreibt Ipote, dass er nicht kommt und Jacob ruft um 9 an, um zu fragen, ob es ok ist, wenn er um 10 kommt. Ich wäre jetzt gerne wütend oder hätte zumindest gerne gegessen. Aber für beides ist keine Zeit. Auch Susi und Felix steht die Erschöpfung ins Gesicht geschrieben, sie geben gerade echt alles, 8 Stunden Theaterworkshop sind mit 60 Kindern nicht ganz ohne. Wir raufen uns zusammen und planen den Ablauf der Generalprobe und des Festivalaufbaus. Auf einmal steht Jacob vor uns und unterbreitet uns euphorisch eine Idee: “Let’s do a sleep-over with all the children one day before the festival starts and let’s rehearse during the night!“ Wie bitte? Ich schlage die Hände vors Gesicht und suche panisch Blickkontakt mit Jonas. Sein Blick ist völlig leer und er ist schon zu müde, um überhaupt zu reagieren. “Jacob, are you serious? How shall we organise that in such a short time? How can we contact the teachers or parents? Where shall we sleep?“ Alles kein Problem meinte er, wir würden alle auf dem Boden schlafen, den Eltern oder Bevollmächtigten morgen einen Infobrief in die Hand drücken, Maggy damit überfallen, dass sie zwei Mahlzeiten innerhalb von 24 Stunden mehr kochen soll und dann wäre es das ja schon. Danach grinste er, verabschiedete sich und kurz darauf gingen auch Susi und Felix nach Hause. Jonas und ich sitzen auf der Veranda. Der ist doch bescheuert fluche ich erschöpft, aber lieb gemeint. Wir fangen an zu lachen. Anstatt Reis machen wir uns aufgrund der fortgeschrittenen Stunde nur noch flott 6 Peanutbutterbrote, Hauptnahrungsmittel Nummer 2, und gehen ins Zimmer. Jonas schläft im Prinzessinnenbett. Ein handelsübliches Doppelbett mit einem Himmelbett als Moskitoschutz. Es ist ein Premium-Moskitoschutz, da er so geschickt an der Decke angebracht ist, dass er nicht spitzzeltartig runterhängt, sodass er direkt das Gesicht streift, wenn man sich im Schlaf dreht, sondern einer, der auf Höhe der Bettkante senkrecht runterfällt und maximalen Schlafgenuss verspricht. Ich liege im 90cm Bett mit spitzzeltartigem Mosquitonetz schräg gegenüber. Wie jeden Abend machen Jonas und ich uns einen Spaß aus der ins-Bett-Geh-Prozedur. “Gute Nacht, Cinderella“ rief ich ihm immer rüber, um mich über sein akkurates ‘Moskitonetz-über-die-Bettkantestreifen‘ lustig zu machen, bevor er sich diagonal ins Bett legen musste, da er längst nicht reinpasste.

“Gute Nacht, träum was Schönes.“ “Weißt du worauf ich mich schon freue?“ “Auf’s Frühstück, natürlich“, antwortete er und machte als Ritual entweder die Foo Fighters oder den Soundtrack aus dem Musical Wicked an, ist ja fast das gleiche. Ich liege im Bett starre die Decke an und würde gerade gerne kurz weinen oder laut schreien. Eigentlich ist alles gut. Es läuft tausendmal besser und schöner als je erträumt, die Leute ziehen alle an einem Strang, die Kinder sind voller Energie mit dabei, das Stück kann glaube ich echt schön werden. Dennoch habe ich permanent das Gefühl auf Feuer zu laufen, dass irgendwo wieder etwas Ungeahntes kommt oder eben wie heute erst einmal keiner kommt. Es ist aber vielleicht auch genau diese Mischung aus Planungsunsicherheit und dem Schönen, Ungeplante, Fremden, die gerade einfach erdrückt. Wenn unsere Freunde oder unsere Mutter uns schreiben, wissen wir gerade manchmal beide nicht, was wir sagen sollen, wie wir ihnen das, was hier passiert und wie wir uns damit fühlen mitteilen können. Hier passieren täglich Dinge, die meinen Rede- und Diskussionsbedarf ins Unermessliche treiben. Vor allem ‘kulturelle Ratlosigkeit‘ und Fragen wie: Jonas, aber wie sollen wir uns denn verhalten? Wie sollen wir darauf reagieren? Ist das erlaubt? Macht das einen falschen Eindruck? Hast du auch manchmal Angst? Übertreiben wir? Übertreiben die? begleiten uns rund um die Uhr. Ich muss wirklich kurz weinen, aber gerade nicht mehr vor Überforderung an Eindrücken, sondern weil ich merke, dass ich nicht alleine bin. Weil Jonas da ist. Wir haben uns schon immer richtig gut verstanden, aber hier ist alles irgendwie noch einmal enger und vertrauter geworden. Ohne ihn wäre ich schon 10 Mal nach Hause geflogen, zusammengeklappt, verhungert oder an mangelnden Austauschmöglichkeiten eingegangen. Ich weiß, dass es wahrscheinlich keine universale Glücksdefinition gibt, aber der Bund mit Jonas ist gerade für mich eine.

Nachtrag: Lieber Jonas, da du für das Layouten dieses Buches zuständig bist, gerade vor deinem Laptop in Madagaskar sitzt und zwangsläufig die Texte aus meinem Word-Dokument in deine Design-Programm-Vorlage kopieren musst, wirst du das wahrscheinlich gerade lesen und schrecklich finden, weil du Komplimente blöd findest und es hasst, im Mittelpunkt zu stehen. Da musst du jetzt aber einfach durch, ich habe schließlich in der Einleitung versprochen, dass dieses Buch eine ehrliche Reise durch gute und schlechte Tage von The Smile Project ist. Danke Cinderella.

Nachtrag 2: Es ist wirklich alles so gekommen, wie Jacob oben anmoderiert hatte. Ich lerne, dass ich vielleicht beim nächsten Mal, bevor ich überlege etwas abzulehnen, an diese Situation denke und mich kurz fragen werde, ob es nicht doch machbar wäre. Die Übernachtungsprobe war die unbequemste meines Lebens, aber gleichzeitig einer der schönsten Theaterproben, die ich bisher hatte.

aus: The Book of Happiness, 2017

 
*Mit dir hat der Sprung ins kalte Wasser nicht nur beim Bungee Jumping große Freude gemacht

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